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Es gibt Krankheiten, die uberleben, weil sie todlich sind. Und es gibt Krankheiten, die uberleben, weil die Welt um sie herum so eingerichtet wurde, dass ihr Fortbestehen nutzlicher war als ihre Uberwindung. Tuberkulose gehort zur zweiten Kategorie. Sie ist keine Geschichte des wissenschaftlichen Scheiterns. Sie ist eine Geschichte politischer Entscheidungen, deren Konsequenzen vor allem die trugen, die nie gefragt wurden. Die Soziologie der Krankheit entstand, bevor ihre Wissenschaft begann. Lange bevor Robert Koch 1882 das Mycobacterium tuberculosis im Berliner Labor identifizierte, hatte das 19. Jahrhundert die Tuberkulose bereits in seine Stadtplanung eingeschrieben. Sanatorien auf Berghohen, Licht, Ruhe und geregelte Ernahrung fur diejenigen, die es sich leisten konnten. Fur die arbeitende Bevolkerung blieb das Mietshaus, der Staubhorizont der Fabrik, die erschopfte Lunge. Stigma entstand nicht aus Unwissenheit. Es entstand aus Struktur. Die Sprache der medizinischen Moral ubersetzte Armut in personliches Versagen und machte aus einem sozialen Problem eine individuelle Schuld. Der Durchbruch der Bakteriologie verlagerte die Debatte, aber er loste ihre Bedingungen nicht auf. Was folgte, war ein Jahrhundert der unvollstandigen Versprechen. Die Entwicklung wirksamer Antibiotika nach 1945 hatte das Ende der Tuberkulose bedeuten konnen.